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Nächster Halt: Hasenjagd

Bernhard Schlüter (geboren 1920) aus Detmold war nach dem Krieg Fahrdienstleiter in Horn und musste zunächst erleben, wie die Amerikaner sein Stellwerk übernahmen. Die hätten sich wenig kooperativ gezeigt, erzählt Schlüter. Immerhin gab es für die Besatzer das Fraternisierungsverbot, das aber ziemlich schnell aufgehoben wurde. Auch hätten die Amerikaner ihre Züge, die den amerikanischen Kriegshafen Bremerhaven mit Kassel in der amerikanischen Zone verbanden, ohne Rücksicht auf deutsche Sicherungstechnik über die Strecke gebracht. "Die haben zu Anfang nicht mal die Schranken runtergekurbelt", erinnert sich der 86-Jährige. "Da hat nur einer mit der Fahne auf dem Bahnübergang gestanden, und dann sind die endlos langen Güterzüge durchgefahren. Die waren so lang, dass die unterwegs gar nicht in die Bahnhöfe gepasst haben!"
Das war nur möglich, weil der Personenverkehr 1945 noch nicht wieder aufgenommen war, und auch die Straßenbahn, die früher den Bahnübergang am Bahnhof in Horn niveaugleich überquerte, noch nicht wieder fuhr. "Wir durften keinen Hebel im Stellwerk anpacken, das machten alles die Amis", schmunzelt der Pensionär und erinnert sich daran, dass die Amerikaner sehr kühl und distanziert den deutschen Eisenbahnern entgegen traten. "Das war nicht so gut wie später bei den Engländern", erzählt Schlüter. Auch auf Signale habe niemand etwas gegeben: "Die sind bei Halt zeigenden Signalen durchgefahren, das war denen völlig egal!"
Nachdem die Amerikaner abgezogen wurden, seien die Engländer eines Tages plötzlich da gewesen. Ein Anruf des Betriebsamtes in Detmold sei alles gewesen, was auf die neuen Betreiber hingewiesen hätte, sagt Bernhard Schlüter. "Ich habe nie etwas Schriftliches gesehen. Eines Tages waren die einfach da. Was willste machen", fügt er mit leisem Humor hinzu.
Mit den Engländern hielt auch die Technik aus dem Mutterland der Eisenbahn Einzug in die Stellwerke. Die Blockkästen wurden abgeklemmt und das englische System der Stabübergabe wurde eingeführt. "Das war so ein kleiner Kasten, da musste man dran kurbeln und dann bekam man einen Metallstab an einem großen Ring frei. Und den musste man dem Lokführer bei der Abfahrt des Zuges übergeben", erzählt Schlüter. Da haben wir neben dem Stellwerk extra ein Podest aufgebaut bekommen, damit wir den Stab leichter übergeben und entgegennehmen konnten". Einfahrende Züge brachten den Stab vom Nachbarbahnhof mit. Schlüter musste die Stäbe entgegennehmen. "Und da hab ich mich eines Tages ziemlich verletzt", erinnert er sich. "Eigentlich haben die Lokführer die Stäbe neben sich an die Bremse gehängt. Aber ich hatte einen, der hatte den Ring über der Feuertür auf dem Kessel transportiert." Was zur Folge hatte, dass der Ring sehr heiß war und Bernhard Schlüter sich Verbrennungen der Hand zuzog, als er den Stab vom Lokführer heraus gereicht bekam.
Obwohl die deutschen Blockkästen abgeklemmt waren, wurde bei den Engländern auf Signal gefahren. "Doch, die Signale funktionierten", erinnert sich Schlüter. "Die mechanischen Kupplungen waren ausgebaut worden, so dass die Signale auch ohne die Blocksicherung gezogen werden konnten."
Die Pünktlichkeit der Züge unter den Engländern sei oft mal ein Problem gewesen, berichtet der ehemalige Fahrdienstleiter. "Sie haben schon versucht, die Fahrpläne der Reichsbahn einzuhalten", sagt er. "Aber die hielten auch schon mal am Eikernberg oder zwischen Horn und Leopoldstal an, um Hasen zu schießen", schmunzelt der 86-Jährige. "Und da waren sie dann eben ein paar Minuten zu spät. Da kam es auf fünf Minuten ja gar nicht an".
Die Engländer waren sehr viel freundlicher zu den deutschen Eisenbahnern, als die Amerikaner es gewesen waren. So sorgten die Engländer dafür, dass die Eisenbahner und ihre Familien immer gut zu essen hatten. "Da ist so manches Paket vor dem Stellwerk vom Zug geflogen", ist Bernhard Schlüter dankbar für die Nahrungsmittelhilfe. "Auch bei der Versorgung mit Kohlen hatten wir weniger Schwierigkeiten als die restliche Bevölkerung!"
Aber auch zwischenmenschliche Kontakte gab es zwischen den Eisenbahnern beider Länder. "Wir hatten ja auch nicht-dienstlich Kontakt", sagt Schlüter. "Mein englischer Stationschef war Serjeant Ken Davis, und im Laufe der Zeit haben wir uns angefreundet." Diese Freundschaft ging sogar so weit, dass Bernhard Schlüter die Vormundschaft für die Kinder der Freundin Davis' übernommen hat, damit die beiden heiraten konnten. "Die Freundin war Kriegerwitwe, und Ken hat sie geheiratet. Aber nach dem damaligen Recht durfte er nicht die Vormundschaft für die Kinder übernehmen, weil er kein Deutscher war. Also haben wir es irgendwie geschafft, dass ich beim Amtsgericht in Horn als Vormund für die beiden Kinder eingetragen wurde." Nach dem Umzug des Paares nach England sei das kein Problem mehr gewesen, aber "die durften hier damals nicht mal ein Paar Schuhe kaufen, ohne dass ich nicht pro forma meine Einwilligung geben musste".
Obwohl er nur wenige der englischen Soldaten, die bei der Detmold Military Railway Dienst taten, persönlich kannte, hat Bernhard Schlüter den Kontakt zu "seinem Besatzer" nicht abbrechen lassen. Schlüter wurde zwar schon 1948 aus Horn versetzt, hat aber viel später mit einem Kollegen zusammen Ken Davis und seine Familie in England besucht. "Daraus ist eine Freundschaft fürs Leben geworden", meint er.

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